Unveröffentlicht - 2026

Auszug aus dem unveröffentlichten Roman "Aeterna", Kapitel 21

An einem Tag im Juni 1922 treiben sie lautlos und träge zwischen den Mangroven dahin, im gewässerten Kiel zu ihren Füßen liegt ein mittelgroßer Tambaqui, die ausliegenden Angelschnüre laufen dem Boot ohne Zug nach. Am Ende des unschlüssig mäandernden Flussarms werden sie wohl mit drei Fischen oder fast hundert Kilo Fleisch in die Mündung des Sergipe gleiten, im auffrischenden Seewind Segel setzen und mit der Flut in den Hafen zurückkehren. Die Sonne presst Licht und Schatten zu einer undurchdringlichen Wand, und der hohe Mittag lässt die Vögel verstummen. Der Jaguar, der auf einer der Schilfinseln im Schatten eines Mangrovenbuschs döst, ist im flirrenden Licht des späten Vormittages nicht zu sehen, und als sie den durchdringenden Geruch wahrnehmen, ist es längst zu spät. In dem Moment, als das Boot eine unter dem glitzernden Spiegel des reglosen grünbraunen Wassers verborgene Wurzel streift und die Mangrove vibrieren lässt, schnellt das Tier in einem einzigen, lautlosen Sprung auf den halb aufgerichteten Lúis, der mit einem Speer in der Hand auf den zweiten Tambaqui oder einen Dourado wartet, und Raubtier und Mensch gehen über Bord wie in einer übermütigen Rangelei am Rande eines Schwimmbeckens, wobei das Boot umschlägt. Im nächsten Augenblick schäumt das grüne, undurchsichtige Wasser, als seien sie in eine Stromschnelle geraten. Dutzende handtellergroßer Piranhas formen die ineinander verschlungenen Körper zu einer bizarren, zunehmend blutigen Kugel, einer vom Wind ins Wasser gewehten, brennenden Steppenhexe gleich. Als das Boot kentert, hat Cyr die Hand in der Lederschlaufe des Ruders und lässt nicht los. Er ruckt die Jangada zu sich heran und schwingt ein Bein auf den flachen Kiel, bekommt eine verdrillte Angelschnur zu fassen und zieht sich ganz hinauf. Er wischt einige wie Heuschrecken an ihm hängende Piranhas von sich ab und sieht aus den Augenwinkeln, wie die Krallen der Vordertatzen tiefe Runen in das Balsaholz des heftig schwankenden Bootes reißen, dann ist die nasse, blutende Raubkatze bei ihm auf dem Kiel und schlägt fauchend nach den silbernen Leibern auf ihrem triefenden, gesträubten Fell. Lúis ist verschwunden, als habe es ihn nie gegeben, und das Wasser um sie herum beruhigt sich in Sekundenschnelle. Der Jaguar beißt in den letzten Piranha, der im Fell seiner linken Flanke zuckt, und schleudert ihn mit einem Prankenhieb auf die Schilfinsel. Cyr hechtet sich ohne nachzudenken hinterher. Als er auf dem weichen, aus Wurzeln und Schlamm bestehenden Untergrund Fuss fasst und sich umdreht, duckte sich das Raubtier gerade zum Sprung, und Cyr reißt an dem Speer seines Vaters, der sich zwischen Boot und Insel verkeilt hat. Dann stehen sie sich gegenüber, jeder an einem Rand des wenige Quadratmeter großen, unter ihren Bewegungen zitternden organischen Floßes aus Wurzeln und Schlamm, die Raubkatze knurrt ein kehliges Grollen und Cyr hält den Speer mit beiden Händen vor sich wie ein Fahnenträger bei einer Parade seine Stange, die Spitze leicht erhoben. Der Jaguar duckt sich und blickt Cyr direkt an. Seine Augen sind leuchtend blau und stehen mit seinem pechschwarzen, noch vor Nässe glänzenden Fell in einembbizarren Kontrast. Die Augen eines Welpen, denkt Cyr, sie sollten gelb sein, und dann nimmt er wahr, wie das Tier ihn taxiert und den Aufwand, der damit verbunden sein wird, ihn zu töten. Einen Moment lang starren sie sich an und Cyr spürt das Zögern der großen Katze und die Unwirklichkeit, die im Blick dieser blauen Augen liegt, dann schnellt der Jaguar vorwärts und schlägt die Vordertatzen zusammen, als wolle er Cyr umarmen. Der emporgehaltene Speer dringt in den Hals des Tieres, durchbohrt das Rückgrat direkt unter dem Schädel und kommt im Nacken wieder heraus, während das Raubtier Cyr rücklings zu Boden wirft und schwer auf ihm zu liegen kommt. Das ist der Tod, denkt Cyr, und an seine Mutter und an seinen Vater und dass es mit seinem Sterben keine Familie Tavares mehr geben wird, Cyr wird es nicht schaffen. Doch dann setzt der heiße, stinkende Atem vor seinem Gesicht aus, die blauen Augen werden trübe und verlieren den Ausdruck von Wut und Gier, aber es dauert Minuten, bis sich Cyr unter dem schlaffen Körper des schwarzen Panthers herausgearbeitet hat. Er weint lautlos und erschöpft und sitzt dann neben dem toten Tier und streicht ihm über den von den Raubfischen blutig zerbissenen Rücken. Erst als die Sonne nur noch drei Handbreit über dem Land in seinem Rücken steht, befreit er das verhängte Boot, kappt die Angelschnüre und setzt sich auf den Kiel, stößt sich von der Insel ab und blickt nicht zurück.