Der Mahlstrom
Er stand im Keller, die Gummistiefel bis zum Schaft in der nach fauliger Erde riechenden schwarzen Brühe. Vom Rauputz der Wände rann das Wasser wie in der marmornen Lobby eines teuren Hotels. Es regnete seit einhundertachtundzwanzig Tagen, und Nero gab seinen Keller nun endgültig verloren. Draußen schäumte der Fluss in den von Dämmerung und Weite verhangenen und von den Fluten aufgewühlten See und riss dabei unaufhörlich schmutzige Strähnen aus lehmfarbenem Löss hinter sich her. Tiefhängende Wolken verschleierten die vom Hochwasser geteilte, beidseits an die steilen Ufer gepresste Stadt mit mattem Glanz, und das vom Fugensand befreite Kopfsteinpflaster schimmerte löchrig. An den Pfeilern der einspurigen, von roten Barken gesperrten Brücke hatte der Strom Barrikaden aus Treibholz und Müll bis zum Geländer gehäuft. Auch die Grundstücke der höher gelegenen Anwesen waren an den Rändern ihrer Gärten schartig erodiert. Die Mäander aus Lehm und Erde wiesen in Richtung des Flusses wie die Tentakel angespülter Medusen, und den Häusern stand das Wasser bis zu den Türschwellen. Regen und Wasser waren an sich nicht das Problem in der Gegend, obwohl keine Versicherung jemals eine Hochwasserpolice für die Grundstücke vergab. Aber inzwischen fiel ein tropischer Regen, der den Boden fußhoch bedeckte wie ein herabschlagender Vorhang aus wässrig durchwirktem Brokat, und das war etwas ganz anderes als der Landregen, der aus den Staulagen der Höhenzüge vom Hinterland in Richtung Fluss und See wehte. Auch früher war der Keller vollgelaufen, bei einem Sommergewitter etwa, dann häufiger, als mit Nachbar Harveys neuem Brunnenschacht und dazugehörigem Abflussrohr irgendeine Lehmschicht oberhalb von Neros Haus durchstochen wurde. Dann kam der große Regen und formte das Land zu Gerinnen. Neros Haus lag unzweifelhaft im Mündungsdelta unterirdischer Rinnsale, und im Strom von Zeit und Flut nahm das Wasser seinen eigenen Lauf. Harvey hielt nichts von Neros Theorie der unterirdischen Flüsse und sah sich mit seinem Brunnen und dem Schacht in keiner nachbarlichen Verantwortung für Neros Kellerproblem, aber auch gegenüber der entfesselten Natur blieb er im Fortgang der Ereignisse gelassen. Eine tief im Boden verankerte Garage ersetzte den abrutschenden Carport, und Harveys Haus blieb aus unbekanntem Grund einfach trocken. Das Brunnenhaus und die Garage irritierten Neros Blick aus dem Fenster wie zwei verfärbte Zähne in einem ansonsten makellosen Gebiss. Nach dem Gerichtsurteil wegen des Brunnens hatte Nero kein Wort mehr mit Harvey gesprochen und sich darauf beschränkt, dessen bauliche Aktivitäten fotografisch festzuhalten. Ihre Frauen hatten trotz unbeirrbarer Gespräche und fortgesetzten Umarmungen auf dem Zwist keinen Humus aufgehäuft, Gras wuchs dementsprechend keines über die Sache, aber Arielle und Toja ließen sich niemals zu etwas zwingen, schon gar nicht zu Solidarität mit ihren Männern. Das änderte sich auch nicht, als sich die Abdichtung des Kellers durch eine Spezialfirma als unmöglich erwies. Die Fundamente des Hauses, in dem Nero mit Arielle und seinem Sohn Selin lebte, schwammen zu tief in Lehm und Wasser, und die Balance und Statik waren zu fragil, so lautete das endgültige Bedauern der Experten. Arielle hatte achselzuckend den leeren, überschwemmten Kellerraum als unbrauchbar akzeptiert, ihre Einmachgläser und Kartoffeln im Schuppen untergebracht und war, als Nero verbissen und mit Gott und der Welt hadernd die wasserdichte, einer Bootsluke ähnliche stählerne Kellertür einbaute, für eine Woche ins Hotel gezogen. Auch Selin hatte ihm die Gefolgschaft verweigert, war nicht in den Krieg eingetreten und hatte mit wachsender Männlichkeit und Körpergröße nachsichtig bis mitleidig auf seinen Vater herabgeblickt, aber sein gemütliches Giebelzimmer hatte auch nichts von der Modrigkeit des Erdgeschosses, die den Geruch der Niederlage im Haus hielt. Selin hatte sich nach dem Urteil an den Umarmungen der Frauen beteiligt und acht Wochen zuvor Harveys Tochter Enya geheiratet. Die Sache war schon eine ganze Weile gegangen, als Nero die beiden auf einem seiner Kontrollfotos entdeckte, bleiche Schemen in Harveys Wintergarten. Nero war der Hochzeit ferngeblieben, hatte den Tag und die Hochzeitsnacht blicklos zuhause verbracht, weil er nicht sehen wollte, wie Harvey seine Tochter zum Altar führte und ihre Hand in die Hand seines abtrünnigen Sohnes legte, auch hätten sich auf dem Bankett ihre Reden und Blicke unerträglich gekreuzt, doch nun gedieh der Zwist im eigenen Haus, und seit dem boykottierten Hochzeitstag schlief Arielle dauerhaft berührungslos unterm Dach. Selin zog zu Enya, Harvey und Toja, die ihren Schwiegersohn stets herzlicher und länger zu umarmen pflegte als Arielle ihre Schwiegertochter. Tojas Lippen ruhten auch mehr in Selins Mundwinkeln als auf seinen Wangen. Sie hatte eine Schwäche für junge Männer, wie sie gerne kichernd zum Besten gab, zumindest nachdem Harvey im Jahr zuvor für einige Wochen mit dem Au-Pair aus Kanada verschwunden war. Mehr als einmal war Toja nach diesem Ereignis morgens direkt vor der Haustür in kurzem Rock und halboffener Bluse aus einem Sportwagen gestöckelt, und Harvey hatte jedes Mal mit bleichem Gesicht die Reifenspuren aus dem Kies der Zufahrt gefegt. Arielle hatte nach dem verlorenen Prozess und dem ehelichen Zerwürfnis im Nachbarhaus noch einmal versucht, einen Neuanfang für sie alle zu gestalten, aber Nero hatte Tojas und Harveys Verhalten als Bestätigung ihrer Neigung zur Unehrlichkeit empfunden und blieb abweisend. Nur so etwas wie Genugtuung über Harveys aufgesetzte Hörner vermochte er aufzubringen, und die üppige Toja beschäftigte Neros Phantasie nach Arielles Auszug aus dem gemeinsamen Schlafzimmer durchaus.
Nach dem Urteil und der Hochzeit ritualisierte Nero seine tägliche Kellerinspektion, stellte einen hohen Hocker in die Mitte des Raumes, hängte ein Hygrometer an die Wand und nagelte eine Messlatte daneben. Sorgfältig schnitzte er einen großen hölzernen Keil zum Offenhalten der Tür, wenn er im Raum war, denn wie ein altes Kühlhaus hatte die Stahltür nur eine äußere Klinke, und die sich nach innen öffnende Luke fiel mit aufsteigendem Wasser im Keller zu. Nero fotografierte täglich Flecken und Färbungen und kartierte Flutstand und Feuchtigkeit in einem Notizbuch wie ein Migräniker die Tage mit und ohne Kopfschmerzen, um sich später, nach Wegnahme des Keiles, von der selbstschließenden Türe hinausschieben zu lassen, bis sie mit zischendem Geräusch die wulstige Dichtung komprimierte und der Riegel mit metallischem Schaben einrastete. Dann ging er schwerfällig mit wiegendem Seemannsgang ins Wohnzimmer und verharrte vor dem großen Panoramafenster, die Kamera auf dem Fenstersims, um Harveys Aktivitäten für die Nachwelt festzuhalten. Nero war es daher auch gewesen, der Harvey nach der Trauung zuletzt gesehen hatte, vielmehr hatte er ihn dabei fotografiert, wie er rauchend vor seinem Brunnenhaus stand und den Himmel betrachtete. Nero hatte sich an der großen Suchaktion ohne jeden Eifer beteiligt, schließlich wurde er aufgrund des ausgetragenen Streites schon am Tag nach Harveys Verschwinden polizeilich befragt, doch als Tojas Affären bekannt wurden, liefen die Ermittlungen in diese Richtung. Zwei Tage später zeigte das Hygrometer fallende Werte, der Keller roch plötzlich nach feuchtem Verputz, nicht mehr nach Abflussrohr, und Nero schrieb und fotografierte mehr als sonst, erst ungläubig, dann hoffnungsvoll, die Bilder bewiesen auftrocknende Wände, als habe Harvey einen geheimen Schalter betätigt oder einen unsichtbaren Abfluss geöffnet, ehe er verschwand, und für Nero war es, als käme das fast vergessene Haus seiner Familie am Grund eines abgelassenen Stausees zum Vorschein. Niemand aus den beiden Familien außer Nero genoss den verregneten Herbst, in dem Harvey spurlos verschwand. Obwohl die Geschichte mit dem kanadischen Au-Pair immer wieder bemüht wurde, konnte doch keiner so recht an eine unbemerkte Wiederholung glauben. Nero vermochte zwischen seinem Bild von Harvey am Brunnenhaus, dem spurlosen Abgang und dem rapide trocknenden Keller keine andere Verbindung herzustellen, als dass ein versöhnliches Schicksal den Fluch des unterirdischen Ungleichgewichts von ihm genommen hatte und die unheilige Wasserader doch noch versiegt war. Am einhundertzwanzigsten Tag des großen Regens folgte die ratlose Toja einem ihrer Jungmänner hinunter in die Stadt, und Arielle, Selin und Enya teilten Nero ihren Entschluss mit, den ausgefallenen Sommer in Südfrankreich nachzuholen. Man insistierte nicht auf seine Mitreise, und Nero sah angesichts der günstigen Wendung, die sein Leben genommen hatte, auch keinen Sinn darin. Als Nero schließlich alleine war, nährte der endlose Regen seine Sorgen, doch die Erwartung eines neuen Wassereinbruchs und des großen Kampfes hinter der Kellertür erfüllte sich nicht, obwohl die Welt um ihn herum endgültig zu versinken schien. Zum Fluss und zum See hin ergossen sich kollernd und klatschend zahllose Muren, Autos verschwanden in Unterspülungen oder kreiselten glucksend im Strom, es gab immer häufiger Stromausfälle und sogar einzelne Evakuierungen aus den schmatzend versinkenden Pfahlbauten am Ufer. Neros Haus hingegen kam zur Ruhe. Er verbrachte die folgenden Tage und einen Teil der Nächte im Keller und beobachtete die Wand, bis am Vormittag des hundertsiebenundzwanzigsten Regentages das Rohr, das den Brunnenschacht mit der Abflussrinne verband, Harvey nicht mehr festhalten konnte, ihn freigeben musste und gleich noch bis auf die Straße und hinunter zum Fluss spülte, wo der Torso in einer der Absperrungen auf dem ramponierten Damm hängenblieb. Die Polizisten standen nicht lange in triefenden Gummimänteln um die Überreste, schließlich war Harvey beileibe nicht das erste Opfer der großen Sintflut und würde auch nicht das letzte sein. Tojas neue Adresse war unbekannt, und Nero konnte bis in die Nacht hinein weder Arielle noch Selin unter der neben dem Telefon zurückgelassenen Nummer erreichen. Sieben Stunden später begann der Wasserfall von den Kellerwänden zu fließen, kein Hindernis blockierte mehr den Durchstich, der Brunnen war randvoll, und an diesem einhundertachtundzwanzigsten Tag des unbarmherzig vom Himmel fallenden Regens stand Nero in Gummistiefeln im Keller, das nutzlose Notizbuch in der Hand, fröstelnd und aller Hoffnung beraubt. Im Licht seiner Stablampe nahm das von überallher unaufhörlich rinnende Wasser mehr und mehr von der Farbe und dem Putz der Wände mit sich, hier und da kam schon der poröse Beton zum Vorschein, er konnte den Blick nicht abwenden, und seine Gedanken wurden mit der stärker werdenden Strömung fortgerissen wie auf den Wellen hüpfende Korken. Das Hygrometer fiel herab und versank in der schwarzen, vom Kalk schlierigen Brühe, die Stiefel liefen ihm voll, und Nero schreckte aus seinem strudelnden Sinnieren auf, plötzlich entschlossen, nie mehr in dieses Haus zurückzukehren. In der Mitte des Kellers rülpste und rauschte es mit einem Mal hässlich, und ein unerwarteter Sog presste die Schäfte der Stiefel an seine Schienbeine. Nero ließ das Notizbuch fallen, wandte sich in Richtung der Luke, nun beunruhigt und in Eile, mit einem jähen, nie gekannten Bedürfnis, sein ganzes bisheriges Leben hinter sich zu lassen. Noch ehe er hörte, wie der Wulst der Dichtung von der zufallenden Kellertür zusammengepresst wurde, und noch bevor seine Fingerspitzen das metallische Knirschen des einrastenden Riegels spürten, sah Nero im Licht seiner Taschenlampe den hölzernen Türkeil, der vom noch immer stillen Rande des Mahlstromes aus Zeit, Regen, Fluss und See wie ein letzter Gruß aus der ablaufenden Zukunft auf ihn zutrieb.